Peter Lütje
Haegue Yang
»Schnur im Nebel«

Anlässlich der Ausstellung „Schnur im Nebel“ von Haegue Yang und Peter Lütje im Doppelzimmer sprach Meike Behm mit beiden am Abend des 23. März 2005 in Frankfurt am Main.

MB: Peter und Haegue, könnt ihr vielleicht kurz etwas darüber erzählen, wie es kam, dass ihr zusammen jetzt ausstellt im Doppelzimmer in Gießen, bzw. wie es zur Zusammenarbeit zwischen Euch gekommen ist?

PL: Also, wir sind zusammen eingeladen worden von Markus Lepper, dem Kurator, und das hat uns natürlich gefreut, weil wir eigentlich schon nachdem wir einmal eine Arbeit zusammen gemacht hatten, vorhatten, öfter zusammen zu arbeiten. Wir haben ja auch schon ein paar mal zusammen ausgestellt, aber eben auch schon eine Arbeit zusammen gemacht und das hat viel Spaß gemacht, das wollten wir wieder machen.

HY: Für mich ist es eigentlich ganz interessant mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten. Ich kollaboriere ab und zu ganz gerne mit anderen, noch dazu ist es etwas besonderes, mit Peter zusammen zu arbeiten, weil wir uns sehr gut kennen und ich denke, diese Ausstellung basiert auf einer gewissen Freundschaft, die schon vorher da war. Ansonsten wäre das nicht gegangen oder es wäre für mich nicht Grund genug gewesen, das zu machen. Ich hab nie auf Einladung von anderen, mit jemanden zusammenzuarbeiten, den ich nicht selbst ausgesucht hab, ausgestellt. In diesem Fall ist es quasi eine von Markus ausgesuchte Kombination, die wiederum für mich akzeptabel war, weil ich Peter gut genug kenne und auch wusste, dass wir viel Stoff zum Austausch hatten.

MB: Der Titel der Ausstellung lautet „Schnur im Nebel“, sehr poetisch, wie ich finde. Könnt ihr etwas sagen zu der Wahl des Titels, worauf bezieht er sich und was thematisiert er?

HY: Ich würde sagen, dass es bei der Wahl des Titels weniger um die Idee oder das Konzept der Ausstellung geht, sondern eher um die Atmosphäre oder um Emotionen, für die wir uns zur Zeit sehr interessieren. Und „Schnur im Nebel“ – ich weiß nicht, wie man „Schnur“ interpretieren kann, aber ich stelle mir so ein Bild vor, dass man etwas im Nebel ahnt, das man nicht gut genug sehen kann und die Situation interessiert mich sehr.

PL: Ja, ich glaub auch. Ich seh in „Schnur im Nebel“ auch so ein bisschen, na ja, das ist wie so eine, vielleicht, wie so eine Guideline, die kaum vorhanden ist. Also, man versucht da etwas zu folgen, von dem man eigentlich nicht weiß, wo es hinführt. Es führt in den Nebel, man hangelt sich eigentlich an einem roten Faden entlang, aber man weiß nicht, wo er hinführt.

HY: Ja. Macht das Sinn?

MB: Ja, also, auf jeden Fall. Trotzdem denke ich, ist bestimmt interessant, was in der Ausstellung zu sehen sein wird. Könnt ihr ein bisschen beschreiben, worin euer Konzept besteht und was zu sehen sein wird?

PL: Also, wir sind ja noch gar nicht ganz fertig. Aber die Grundlage der Ausstellung ist, dass wir nur Hommagen zeigen werden. Das sind verschiedene Arbeiten, schon recht streng geteilt: pro Werk gibt es einen Hommagierten oder umgekehrt und im Moment sagen wir noch nicht konkret, wen wir hommagieren und wie, aber die Gründe und die Hintergründe sind uns schon sehr deutlich.

MB: Also Hommage in dem Sinne, als dass ihr Werke, sozusagen eine Ehre erweist, Bewunderung gegenüber Werken ausdrückt, die ihr persönlich mögt oder schätzt.

PL: Ja, und auch Personen.

HY: Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um zu erklären, warum wir uns dazu entschieden haben, eigentlich keine eigenen Werke zu schaffen, sondern Hommagen zu machen. Also zuerst würde ich sagen, dass es zunächst einmal bei Gesprächen zwischen Künstlern oft das Thema ist, „was finde ich gut, was findest du gut“. Peter und ich hatten lange keinen Kontakt miteinander und wir haben jetzt eine gemeinsame Aufgabe, wir tauschen uns aus, um die Lage zu checken und wir kommen ganz automatisch dazu, darüber zu sprechen, was wir gerade so gut finden, wofür wir uns interessieren, das ist einfach eine interessante Thematik, sich auszutauschen und dabei ist mir eingefallen, dass es eine gute Methode ist, um sich anders auszudrücken. Ich hatte öfter auch Schwierigkeiten als Künstlerin, mir eine primäre Aufgabe zu stellen. Man will sich natürlich äußern, aber das kam mir öfter als Zwang vor.

PL: Du hast am Anfang gesagt, warum wir keine eigenen Arbeiten zeigen, wir zeigen ja schon eigene Arbeiten, also ich finde, dass diese Hommage-Arbeit ein unheimlicher Befreiungsschlag ist. Und plötzlich wird man für Dinge, die sozusagen die Kernbotschaft umschließen, ganz offen. Also ich hatte das Gefühl, dass wir im Hinblick auf, nennen wir es ruhig Kreativität und Ästhetik und, unheimliche Sprünge gemacht haben in dieser Arbeit.

HY: Als wir über den Titel gesprochen haben, habe ich schon so halbwegs geäußert, dass wir uns über die schönen Sachen, oder die Sachen, die uns berühren und zur Zeit sehr interessieren, austauschen. Wenn ich selber eigene Werke schaffe, dann kann ich nicht so schön empfinden, aber wenn wir über die Sachen, die wir gut fanden neue Arbeiten machen, dann plötzlich hatte ich diesen Zwang nicht und dann erscheinen mir diese neuen Arbeiten auch selbst schön und das Gefühl ist mir irgendwie wichtig zur Zeit.

MB: Peter, deine raumbezogenen Installationen beschäftigen sich mit dem Thema auch der Frage nach der Grenze zwischen Glaube und Wissen und auch der Irritation gewohnter Wahrnehmungsstrukturen. Wie siehst du diese Ausstellung mit dem Konzept der Hommage im Kontext deiner übrigen Arbeit?

PL: Puh, schwierige Frage. Natürlich hat eine Hommage immer etwas sehr Persönliches, also vermutlich eher was mit Glauben als mit Wissen zu tun, also wir betreiben da ja keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern wir verlassen uns da schon sehr auf unser Gefühl und sehen die Dinge vielleicht auch ganz anders als andere Künstler oder andere Leute, die sich mit denselben Werken oder Personen beschäftigen. Aber das mit dem Glauben und dem Wissen ist natürlich auch nur ein Teil von dem, was ich sonst mache. Aber dieses Treiben von „Schnur im Nebel“, das sehe ich eigentlich auch in meinen anderen Arbeiten. Das jetzt im Einzelnen zu erläutern passt nicht hierher.

MB: Eine ganz ähnliche Frage an dich, Haegue. Du arbeitest in unterschiedlichen Medien, Fotografie, Installation, Zeichnung, Plastik. Und deine Arbeit beschäftigt sich thematisch auch mit Verschiebungen von eigentlichen Bedeutungen von Gegenständen, also im gewissen Sinne auch mit gewohnten Mustern von Wahrnehmung, die irritiert werden – Jochen Volz schrieb von einer „Kleinstmöglichen Nebenstelle“ in deinen Arbeiten. Wie betrachtest du diese Arbeit mit dem Konzept der Hommage im Zusammenhang mit deiner Kunst sonst?

HY: Also ich denke, ich arbeite auf der Basis dessen, was ich im Alltag wahrnehme und betrachte. Und ich denke, dass meine Arbeit immer in Verwandlung ist, sie verändert sich genauso wie meine Wahrnehmung und Lebensweise und Weltanschauung sich langsam ändert – manchmal bin ich mir darüber bewusst und manchmal nicht. Und in diesem Fall denke ich, dass ich eher die Dinge, derer ich mir vielleicht noch nicht sicher bin, aber die mich ansprechen, bearbeite. Denn das ist halt die Situation, in der ich mich befinde und diese Betrachtung der Persönlichkeiten, in diesem Fall der Künstler, die wir ausgesucht haben, das ist die Umgebung meines Alltags, die ich als Gegenstand meiner Betrachtung nehme und die verschiebe ich quasi mit der Methode, dass ich mich nicht gleichberechtigt daneben stelle, sondern ich trete einen Schritt zurück, um Abstand zu gewinnen. Es ist auch ganz wichtig für mich, dass ich diese Hommage nicht allein mache, denn dann wäre es zu einseitig und deutlich. Mir könnte es sonst passieren, dass ich zu klar versuche, die Dinge zu analysieren oder sie als analysiert erscheinen lasse. Das will ich zur Zeit nicht.

PL: Das geht mir übrigens auch so. Wenn ich meine eigenen Arbeiten betrachte gegen diese Ausstellung, die wir jetzt gerade zusammen bauen, dann kommen mir meine sehr hart und exakt vor.

HY: Hmhm, ja.

MB: Das klingt spannend und macht mich auf jeden Fall neugierig auf die Ausstellung. Haegue, Peter, vielen Dank für das Gespräch. Dies ist nur der erste Teil, der zweite Teil folgt unmittelbar nach Eröffnung der Ausstellung.

Interview Teil 2
 

 
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